Fernlektionen schreiben. Ein Tutorial.

Chinesisches Sprichwort

Dieses kurze Tutorial fasst die wichtigsten Grundlagen zum Schreiben von Fernlektionen zusammen. Es bietet Einsteigerinformationen für Erstautoren und eine kurze Wiederauffrischung für Autoren mit Erfahrung. Thema des Tutorials sind die klassischen, gedruckten Lehrmaterialien zum Fernunterricht, nicht E-Learning – obwohl viele der angesprochenen Punkte auch für diese Lehrform gelten.

Inhalt des Tutorials

  1. Selbstgesteuertes Lernen
  2. Lehrstoff und Lernziel
  3. Autoren
  4. Zielgruppe
  5. Didaktik
  6. Fakten und Recherche
  7. Gliederung
  8. Geprüfte Qualität
  9. Links und Literatur

1. Selbstgesteuertes Lernen

Die Kultusministerkonferenz definiert diesen Begriff wie folgt:

“Der Begriff “Selbstgesteuertes Lernen” bezeichnet ein konstruktives Verarbeiten von Informationen, Eindrücken und Erfahrungen,

  • über dessen Ziele, inhaltliche Schwerpunkte, Wege und äußere Umstände die Lernenden im Wesentlichen selbst entscheiden und
  • bei dem sie die von anderen entwickelten Lernmöglichkeiten und fremdorganisierten Lernveranstaltungen jeweils nach den eigenen Bedürfnissen und Voraussetzungen gezielt ansteuern und nutzen.

Selbstgesteuertes Lernen ist daher immer auch im Zusammenhang von Selbstbestimmung und Selbstverantwortung zu sehen. In Abgrenzung zum “selbstorganisierten Lernen” kommt es beim selbstgesteuerten Lernen nicht darauf an, dass das Individuum die Lernabläufe organisiert, sondern dass das Individuum darüber entscheidet, welche selbst- oder fremdorganisierten Lernmöglichkeiten jeweils in seinen Lernprozess einbezogen werden. In diesem Sinne muss das Lernen in den Bildungseinrichtungen auch die persönliche Entwicklung des Einzelnen fördern, das Lernen des Lernen ermöglichen und dazu beitragen, dass jeder Einzelne mehr Verantwortung für den Erwerb neuer Kenntnisse und Fähigkeiten übernehmen kann, von Anfang an und ein Leben lang.” (Aus: Selbstgesteuertes Lernen in der Weiterbildung. Beschluss der KMK vom 14.4.2000)

Entsprechend dieser Definition gehen Sie als Autor beim Schreiben einer Fernlektion eine respektvolle, konstruktive Beziehung zum Lernenden ein. Sie sind Vermittler der Information, die sich der zahlende Leser aneignen möchte. Ein schulmeisterlicher Habitus ist im Fernunterricht, wie auch anderswo;), grundsätzlich unangebracht. Es handelt sich beim Fernstudium um partnerschaftliche Wissensvermittlung und um eine Kooperation zum selbstgesteuerten Lernen.

Als Basis für die Lektion dient meist eine Vorlage vom Auftraggeber, der Bildungsstätte. Diese Vorlage soll didaktisch ausgereift und nach wiederkehrenden Prinzipien aufgebaut sein. Sie gilt als Grundlage für sämtliche Lektionen innerhalb eines Lehrgangs.

Fernlehrgänge werden häufig von der Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) geprüft, die ein staatlich anerkanntes Qualitätssiegel vergibt. Als Autor sollten Sie die Kriterien der ZFU kennen und einhalten (vgl. Kapitel 9. Links, pdf-Download).

2. Lehrstoff und Lernziel

Die didaktische Aufbereitung des Lehrstoffs richtet sich nach der Art des Lernziels. Vermitteln Sie in der zu schreibenden Lektion:

Um die Vermittlung von Faktenwissen handelt es sich z.B. beim Schreiben von Geografielektionen. Kurse zu Projektmanagement befassen sich mit Methodenwissen und vermitteln Kenntnisse zu Prozessabläufen, Lösungsverfahren und Herangehensweisen. Anwendungswissen sind Computerkurse, Softwaretraining oder Controllingseminare. Kompetenzen erwerben Teilnehmer beispielsweise in beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen.

Die didaktisch-methodische Grundorientierung des Lehrgangs ist entscheidend für den Schreibstil; je nach didaktischem Ansatz, z.B.

Die Lernenden sollten den Lehrstoff auf ihre eigene Praxis überführen können. Bei der Vermittlung von reinem Faktenwissen sollte man den stilistischen Spielraum nutzen, um die Lektion interessant und lesenswert zu gestalten. Gerade bei privaten Bildungsträgern ist es ein wichtiges Kriterium, dass die zahlenden Schüler Spaß an den Lektionen haben und diese später gerne weiterempfehlen.

3. Die Autoren

In der optimalen Konstellation sind Autoren von Fernlektionen:

  1. Fachleute auf ihrem Gebiet,
  2. besitzen Kenntnisse über Didaktik,
  3. und können schreiben.

Fehlen dem Autor die Voraussetzungen 2) oder 3), ist die Lektion zwar vollgepackt mit Wissen, aber langweilig und umständlich zu lesen. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Lehrgang nicht nur einen Mehrwert an Information enthält, sondern auch (soweit das in Ihrer Macht steht), dass beim Durcharbeiten kein Leser einschläft. Möglichkeiten, Ihre Lektion anregender zu gestalten, sind z.B.

4. Zielgruppe

Für wen schreiben Sie? Das Lehrmaterial sollte zielgruppengerecht aufgearbeitet werden. Je nach Voraussetzungen lernen die Teilnehmer auf sehr unterschiedliche Art und Weise; ein Handwerker benötigt andere Vorgaben als eine Akademikerin.

Eigentlich selbstverständlich: Passen Sie Ihre Wortwahl der Zielgruppe an und schreiben Sie allgemein verständlich. Fremdwörter zu benutzen ist weitgehend kontraproduktiv. Spezifische Fachbegriffe erklären Sie bei der erstmaligen Verwendung im Text und im separaten Glossar.

Unter Berücksichtigung des Genderaspekts müssen lt. ZFU die Fernlehrgänge Frauen und Männer gleichermaßen einbeziehen. Damit ist nicht die durchgängige Verwendung von -Innen gemeint, was schon aus Platzgründen nicht durchführbar ist, sondern z.B., dass auch der Arbeitsalltag von Frauen berücksichtigt wird. (“Was ist Gender Mainstreaming“)

5. Didaktik

Die selbstgesteuerte Lernmethode baut auf drei Basiselementen auf. Autoren sollten innerhalb der Fernlektionen:

Zu Beginn der Lektion werden der Aufbau des Lehrgangs und die Organisation des Lehrstoffs erklärt, damit der Lernende sein Studium individuell planen und einteilen kann. Unterschiedliche Lernmaterialien, wie z.B. Karten oder Gebrauchsanleitungen, werden vorgestellt.

Lernaufgaben können sein: ein kurzer Quiz , eine Blanko-Landkarte zum Eintragen der Hauptstädte oder das Beantworten einfacher Fragen mithilfe der erlernten Anwenderkenntnisse. Diese Elemente eignen sich auch zur Selbstkontrolle während des Lernens.

Ein Zuviel an neuen Informationen wirkt erdrückend, unnötige Wiederholungen blähen den Lehrstoff auf. Wiederholen Sie die vermittelten Fakten in unterschiedlichen Darstellungsformen, damit sich das Wissen einprägt, z.B. durch

Beleuchten Sie unterschiedliche Seiten eines Aspekts und veranschaulichen Sie das Thema durch praktische Beispiele. Diese Praxisbeispiele sind ein wichtiger Baustein, um den Wissenstransfer in die Praxis des Lernenden zu ermöglichen. Die Inhalte sollten weder zu vereinfacht noch zu kompliziert, sondern dem Leser auf kollegiale und ansprechende Art und Weise vermittelt werden.

6. Fakten und Recherche

Die Fakten müssen stimmen, bei Lehrmaterial ganz besonders. Besser dreimal prüfen, korrigieren und lektorieren, als Halbwissen zu verbreiten. Verlässliche Quellen sind gefragt; Wikipedia ist ein schlechter Lehrmeister. Verfolgen Sie die Herkunft der Informationen und Zahlen bis zum tatsächlichen Ursprung. Diese Recherche kann sehr zeitaufwendig sein, ist aber unumgänglich. Grundlegend sind:

Auch manche Fachbücher enthalten nicht selten falsche Informationen. Autoren von Fernlektionen sollten, je nach Wissensgebiet, gewissenhaft arbeiten und die Informationen genau prüfen. Beim klassischen Fernstudium, anders als im Präsenzunterricht oder im Online-Tutorial, kann der Autor oder Tutor später nicht mehr korrigierend eingreifen.

In einer Fernlektion geht es eher selten darum, komplett neues Wissen zu vermitteln. Vielmehr ist eine eingängige, übersichtliche Zusammenfassung bereits bestehender Wissensgrundlagen gefragt, angereichert mit aktuellen Zahlen und aufgelockert mit Beispielen aus dem Arbeitsalltag. Gerade diese kompakte Kombination ergibt den eigentlichen Mehrwert für den Schüler:

7. Gliederung

Die Aufteilung in überschaubare Lerneinheiten und einzelne Lernschritte ermöglicht es dem Lernenden, den Fernlehrgang der eigenen Zeiteinteilung und dem individuellen Lernrhythmus anzupassen.

Der Wiedererkennungseffekt durch die aufeinander aufbauende, logische Textgestaltung und Gliederung erleichtert die Wissensaufnahme. Hilfreich sind eine einheitliche Terminologie und die gleich bleibende Bezeichnung wiederkehrender Textelemente.

Konzipieren Sie das Inhaltsverzeichnis und die Überschriften lesefreundlich und durchdacht. Einheitliche Unterüberschriften und eine überschaubare Gliederungstiefe sind ein Kennzeichen für die Qualität einer Lektion. Aussagekräftige Überschriften verraten viel über den Inhalt des Kapitels und machen Lust aufs Weiterlesen. Die Gliederung muss zu Beginn der Fernlektion kurz erklärt werden.

MS-Word bietet dafür die Funktion: Einfügen / Referenz / Index und Verzeichnisse.
Der Duden »Satz und Korrektur« gibt die Norm für Inhaltsverzeichnisse vor.

8. Geprüfte Qualität

In Deutschland überprüft eine staatliche Stelle gegen ein – nicht geringes – Entgelt die Qualität von Fernstudiengängen und vergibt ein Prüfsiegel: Die staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) in Köln. Autoren sollten sich vorab informieren, ob ihr Kurs ZFU-zertifiziert wird, um dann deren Kriterien zu berücksichtigen.

Das ZFU-Siegel bürgt zwar für einen Qualitätsstandard, sagt aber nicht viel über den jeweiligen Abschluss und dessen Akzeptanz im Berufsalltag aus. Die ZFU ist eine relativ schwerfällige Behörde, die bei modernen Lehrmethoden manchmal nicht ganz nachkommt. Anbieter von Online-Lehrgängen beispielsweise passen sich flexibel dem konkreten Ausbildungsbedarf einzelner Branchen oder dem Fortbildungswunsch von Selbstständigen an.

9. Links und Literatur:

© 2006 – Ina Baumbach, Lektorin und Autorin von Fernlehrgängen

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