Lüdenscheid

Lüdenscheid in Prenzlauer Berg

Heute morgen habe ich mich an der Großkreuzung in Prenzlauer Berg zum ersten Mal wie in Lüdenscheid gefühlt. Die Fußgängerampel stand auf Rot, die Straße war frei, ich ging los – und alle anderen blieben stehen. Sogar die ressentimentgeladenen Blicke aus dem dichten Block der Wartenden auf der anderen Straßenseite, ungut vertraut aus den kleineren Städten, fehlten nicht. Die Schönhauser Allee als Hort der Pflichtethiker im Alltag? Bislang erfreute ich mich immer an der Selbstverständlichkeit, mit denen sich hier stets fast anarchische Zustände ergaben. Was ist geschehen?

Der Grund ist die Flexibilisierung, die zwar schon längst den Alltag der Kiezbewohner, aber jetzt auch den Straßenverkehr an der Großkreuzung erfasst hat. Eine diktierte Flexibilisierung, die das genaue Gegenteil ist von Freiheit, die sich aus sich selbst entfaltet.

Während sich der Rotgänger früher auf eine feste Folge von Rot- und Grünphasen verlassen konnte, in deren Freiräumen er sich tummelte wie ein Fisch im Wasser, so herrschen jetzt Komplexität und Unberechenbarkeit. Eine neue flexible Verkehrsführung gewährt Bussen und Straßenbahnen, die sich aus einer der sechs Richtungen dieser Großkreuzung nähern, Vorfahrt. Manchmal poltern drei Bahnen hintereinander über die Kreuzung. Für alle anderen Verkehrsteilnehmer führt das mitunter zu minutenlangen Rotphasen.

Wie jede Flexibilisierung gebiert auch diese prekäre Zustände. Der Rotgänger kann sich nicht mehr auf in Fleisch und Blut übergegangene Ampelphasen verlassen, sondern muss auf Sicht laufen. Das vereinzelt. In diesem gefahrvollen Versuch, sich die Überschaubarkeit zu erhalten und die Lücke zu erwischen, stehen sich die Fußgänger rasch selbst im Weg. Rotgänger müssen entschiedener handeln als früher. Zögern ist gefährlich.

Die meisten reagieren auf die neue Verkehrsführung defensiv. Flexibilisierung befördert offensichtlich konservative Verhaltensformen. Die Folge ist die schrittweise Lüdenscheiderisierung des Berliner Straßenverkehrs.

Schon wartet man nicht mehr nur bis Grün, sondern passt auch Ethik und Rhetorik an sein verändertes Verhalten an. Es dauert nicht mehr lange, dann bellen die Wartenden auch an der Schönhauser Allee alle diejenigen an, die nicht auf Grün
warten.

Kommentare

1 Kommentar zu “Lüdenscheid”

  1. Andreas Petersell am 9.07 09 17:10

    Netter Text! Aber wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin (und auf der anderen Straßenseite warte), hab ich es lieber wie in Lüdenscheid. Manchmal teilt sich die Welt überschaubar in Leute MIT und OHNE Kinder!

Wir freuen uns über Ihren Kommentar!




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